Geschichte Winuwuk und Sonnenhof

  

 

 

 

 

 

 

  

 

Bernhard Hoetger: Wichtig ist, dass ein Bau entsteht, der über uns weit hinweg in die Zukunft weist.

 

 

In der  „Elfenecke“ dem Gebiet zwischen dem Breitenberg und dem Elfenstein, liegen am Waldrand zwei märchenhaft anmutende Gebäude eingebettet, das Kaffeehaus Winuwuk und die Kunstausstellung Sonnenhof. Wie es zu ihrer Entstehung kam und wie sich alles fortentwickelte, möchte ich ihnen, liebe Leser, gern einmal berichten:

MeineSchwiegereltern, Walter und Dore Degener, hatten ihre akademischen Kunststudien in Wien und München abgeschlossen und befanden sich gerade auf einer Studienreise durch Holland, als der erste Weltkrieg ausbrach. Es erreichte sie die Nachricht, so schnell wie möglich nach Heiningen zu kommen, um den Familienbesitz, das Rittergut Heiningen bei Börßum, vertretungsweise zu übernehmen; denn mein Schwiegervater kannte sich in der Landwirtschaft aus. Der Bruder hatte als Offizier d.R. einen Einberufungsbefehl erhalten. Aus der angenommenen kurzen Zeitdauer ihres Aufenthaltes in Heiningen wurden dann fünf Jahre.

Der zurückgekehrte, unverheiratete Bruder bat meine Schwiegereltern, sich in der Nähe ansässig zu machen, und so fiel die Wahl auf Harzburg. Ein Haus in der Bismarckstraße war bald gefunden, ebenso auch menschliche Kontakte, so dass sich daraus ein kunstinteressierter Gesprächskreis bilden konnte.

„Unsere Kunst, die während des Krieges ruhen musste, hatte jetzt Zeit, sich neu zu entfalten.“ So empfanden Walter und Dore Degener und sie setzten sich dafür mit viel Begeisterung ein.

Sie wollten aber nicht  nur malen und zeichnen, sondern auch formen, also kunsthandwerklich arbeiten. Außerdem stellten sie fest: „Die jüngste Kunstrichtung hatte bis Harzburg noch keine Wellen geschlagen.“ So entstand der Plan, eine Ausstellungsmöglichkeit zu schaffen, die mehr Menschen an das derzeitige Kunstgeschehen, auch auf literarischem Gebiet, heranführen konnte. Ein weiterer Beweggrund war auch der Wunsch, anderen Freude und Anregung zugeben.

Für den Bau bot sich ein großes Parkgelände in der Stadtmitte an. Nun musste nur noch ein geeigneter Architekt gesucht werden; denn es sollte etwas Außergewöhnliches entstehen. Es fügte sich, dass sie mit dem berühmten Professor Bernhard Hoetger in Worpswede zusammentrafen, der sich von ihrem Projekt begeistern ließ. In ihm hatten sie einen Baumeister gefunden, der mit genialem Einfallsreichtum ihre Vorstellungen in die Tat umsetzen konnte. Beide unterstützten Hoetger tatkräftig in seinen der Zeit weit vorauseilenden Ideen. Er konnte seiner schöpferischen Phantasie freien Lauf lassen.

Hoetger hatte an der Kunstakademie in Düsseldorf neben der Bildhauerei, die er durch Lehr- und Wanderjahre bereits beherrschte, auch Architektur studiert. Außerdem hatte er einen Hang zur Innenraumkunst, da er mit allen Materialien umgehenkonnte.

Fasziniert von dieser Vielseitigkeit war auch der Bremer Fabrikant (Kaffee Hag) Ludwig Roselius, der Hoetger freundschaftlich verbunden war und ihm mehrere Aufträge erteilt hatte, so auch für die Neugestaltung einer Seite der berühmten Böttcherstraße in Bremen.

Er beschreibt Hoetgers Schaffensweise folgendermaßen:

Ich habe ihn vor dem Lehmkloß gesehen (wohl der einzige – niemand hat sonst Zutritt), und er wußte nicht, was er formte. Aus den Händen wuchs ihm die Vollendung zu. Das Handwerkliche machte ihm keine Mühe – ich kenne keinen Handwerker, der es in der Arbeit mit Bernhard aufnehmen kann. Holz, Stein, Metall fügen sich seiner schaffenden Faust..... Mühelos löst er die Probleme, über die andere Tage und Wochen sitzen. Man meint, es müssten Heinzelmännchen im Spiel sein, sonst sei solche Leistung nicht möglich. Kein Vorbild, kein Buch, kein Maß wird gebraucht. Die Zeit verschwindet zu nichts. Hunger und Durst weichen dem mächtigen Schaffen. Wehe im, wenn er es erschöpft hat – hingeschmettert liegt er da, zu jedem Schaffen unfähig, bis in ihm neu eine göttliche Stimme ertönt und er sich wie ein Phönix aus der Asche erhebt...Ich halte Hoetger für einen der ganz Großen.“

Zu Hoetgers Bewunderern zählte auch der Keks-Fabrikant Hermann Bahlsen. Dieser gab ihm den Auftrag, einen Entwurf anzufertigen für eine groß angelegte Fabrikanlage mit Wohnstadt. Durch dieses eigenwillige, phantastische Modell, das großes Aufsehen erregte, wurden meine Schwiegereltern bewogen, Hoetger aufzusuchen.

Es ist selbstverständlich, dass sie hocherfreut waren, dass sich dieser begnadete Künstler bereit erklärte, den Bau einer Kunstausstellung zu übernehmen.

Als Hoetger zum erstenmal nach Harzburg kam, war er von der Lage sehr beeindruckt. Ihn faszinierte der vorherrschende Farbkontrast von rot/grün in der Landschaft, hervorgerufen durch den damals üblichen roten Ziegelbehang an Dächern und Seitenwänden der Häuser. Daraufhin beschloß er, als Außenbekleidung ebenfalls Ziegel zu verwenden.

Inzwischen liefen die Vorbereitungen für zwei Gebäude an. Der Grund war, daß der Kauf des großen Grundstückes in der Stadt nicht zustande kam und man in die Peripherie ausweichen mußte. Am Breitenberg wurden meinem Schwiegervater zwei nebeneinander liegende Grundstücke angeboten, die sich von der Waldstraße über den Lärchenweg hinweg bis hinunter zur Straße „Am Breitenberg“ erstreckten und eine herrliche Aussicht weit ins Land boten. Der kleine Sohn (mein späterer Mann) war so erfreut über den Erwerb, dass er gleich Purzelbäume auf der Wiese schlug.

Die Gegend, „Elfenecke“ benannt, die damals zwar idyllisch schön, aber auch recht einsam war und nur erwandert werden konnte, machte es erforderlich, ein zweites Gebäude für eine Einkehr zu erstellen. Die Ausstellung allein wäre nicht lebensfähig gewesen. So wurde zuerst mit dem Bau eines Kaffeehauses begonnen.

Hoetger war kein Architekt im herkömmlichen Sinn; denn die Entwürfe entstanden nicht am Reißbrett, sondern wurden modelliert. Die Umrisse eines Gebäudes wurden zuerst intuitiv aus Ton geformt und dann der Grundriß dem Boden angepaßt, aus dem erwachsen mußte. So schuf er ein in die Landschaft komponiertes Bauwerk, wie es früher die mittelalterlichen Baumeister handhabten.

Für die mithelfenden Handwerker wurde die Tätigkeit am Bau zu einem bleibenden Erlebnis; denn auf diese Weise ein Gebäude entstehen zu sehen und auch eigene Gedanken mit einbringen zu können begeisterte sie sehr. Bei der Innenraumgestaltung erwies sich Hoetgers Methode allerdings als recht kostspielig, weil manches wieder eingerissen wurde, was der Form der Bewegung und der Harmonie im Raum nicht voll entsprach.

Da Hoetger beabsichtigte, naturgerecht in Fachwerk mit Verkleidung zu bauen, außerdem innen viel Holz zu verwenden, suchte er selbst im Heininger Wald die Eichenstämme aus, die künstlerisch bearbeitet werden sollten. Das geschah sehr zur Verwunderung des Försters; denn statt der von im angebotenen schön geradegewachsenen Stämme bevorzugte Hoetger möglichst krumme. Auf dem Zimmereiplatz der Firma Schilling in Bündheim wurden diese Stämme dann in halbjähriger Arbeit von der Bildhauerin Mayweg und dem Bildhauer Ehlers aus Worpswede ihrem natürlichen Wuchs entsprechend behauen und gestaltet. Sie bildeten später das imposante Balkengefüge in den Innenräumen und an den Türen.

Die Bildhauer fertigen neben den Türen und Geländern auch sämtliche Einrichtungsgegenstände nach Hoetgers Angaben an, beschnitzten und bemalten sie. Hoetger selbst meißelte und bemalte ausgedehnte Reliefs im Kaffeehaus und in den Veranden. Alles wurde bis ins Detail liebevoll durchdacht,außergewöhnlich gestaltet und zu einer Einheit zusammengefügt.

Daß Hoetger nordisches Gedankengut mit einbrachte, ergab sich aus der Übersiedlung nach Worpswede. Die niedersächsische Landschaft wurde ihm nicht nur vertraut, sondern er erhielt starke künstlerische Impulse aus ihr. In der bodenständigen Wohnkultur und Bauweise der Höfe meinte er die Urwohnform der germanischen Vorfahren zu erkennen. So übernahm er die Dreiecks- und hohen Dachformen der Moorkaten beim Bau von Winuwuk und Sonnenhof.

Er schuf jeweils einen Mittelpunkt: In Winuwuk war es die Feuerstelle als Symbol der schutzgewährenden Gastlichkeit und im Sonnenhof ein lebenspender Brunnen.

Während der Bauzeit entwickelte sich auch in Deutschland eine Geldentwertung, von der die Bürger völlig überrascht wurden. Sie nahm solche erschreckenden Ausmaße an, dass mein Schwiegervater schließlich mit einem Rucksack voller Geldscheine täglich auslohnen musste, damit die Arbeiter noch schnell etwas Eßbares dafür einkaufen konnten. Am Schluß der Inflation (Nov. 1923) lag der Wert von 1 Billionen Papiermark bei einer Goldmark. Mein Schwiegervater drängte zur Beschleunigung der Endarbeiten.

Im Frühjahr 1923 konnte die Ausstellung eröffnet werden. Während das Kaffeehaus bereits am 29. September 1922 in Betrieb genommen werden konnte.

Es war nun etwas entstanden, was nicht einzuordnen war, aber auch nicht  eingeordnet werden sollte.  

 

Hoetger erklärte: „Nie habe ich einen Stil gewollt, ich habe meiner Weltanschauung den Weg zur Formwerdung bereitet.“

Als es um die Namensgebung ging, beabsichtigte er, seine Empfindungen darin zum Ausdruck zu bringen. Er hatte an die ursprüngliche nordische Bauform anknüpfen wollen. Es sollte sich daraus aber ein künstlerischer Wandel aus der Vergangenheit hin in die Zukunft abzeichnen. Dieses Umsetzen würde aber Verwundern und wohl auch Bewunderung auslösen. So formulierte er vereinfacht den Satz: WEG IM NORDEN UND WUNDER UND KUNST! Die fettgedruckten Anfangsbuchstaben ergaben: WINUWUK. Alle anderen Deutungen stammen nicht von Hoetger.

Die Bauwerke erregten, wie erwartet und erwünscht, großes Aufsehen. Es gab begeisterte Zustimmung, aber auch harsche Kritik bis hin zur Anfeindung, besonders während des Nazi-Regimes. Die Feindseligkeiten verschiedenster Art gipfelten schließlich darin, daß 1939 behördlicherseits verfügt wurde, alle figürlichen Darstellungen an Balken und Geländern zu entfernen, Reliefs zu verputzen, alle Wände einheitlich zu überstreichen u.a.m., was auch geschah. Nur der baldige Kriegsbeginn bewahrte die Gebäude vor dem völligen Abriß. Im Harzburger Stadtbild hätten sie mit Gewissheit nicht überlebt.

Nach Kriegsende erfolgte sofort die Beschlagnahme beider Gebäude durch die Besatzungsmächte bis 15. Dez. 1950. Die Engländer benutzten das Café als Offiziers-Kasino und gestalteten es nach ihrem Geschmacksempfinden aus. Aus dieser Mißgestaltung konnten wir es erst 1953 befreien, nachdem sich für unsere Familie die Möglichkeit ergab, es in eigener Regie zu übernehmen.

Mein Mann und ich setzten uns mit viel Freude dafür ein, Winuwuk wieder ein würdiges Aussehen zu geben! Allerdings konnten wir bei der Renovierung die ehemalige Bemalung nicht wieder anbringen. Sie war aus dem damaligen Zeitgeist entstanden. Die euphorische Aufbruchsstimmung wart nicht mehr nachvollziehbar. Es wäre nichts „Echtes“ entstanden. So entschlossen wir uns für einen dezenten Anstrich, der aber die fließenden Formen und Bewegungen im Raum als architektonische Skulptur wiedererkennen ließ.

Obgleich Winuwuk  seiner eindrucksvollsten Kunstwerke beraubt wurde, hat es doch in heutiger Zeit nichts von seiner Anziehungskraft verloren; denn der eigenwilligen Gesamtkonzeption Hoetgers hat dies keinen Abbruch getan.

Und was er mit seinem Bau vermitteln wollte: das Gefühl der Geborgenheit, nordische Gastlichkeit und Verzauberung durch das Wunder der Kunst, das strahlt seine Wirkkraft immer noch aus.

Und wenn inzwischen die 4. Generation einer Familie Winuwuk besucht, ist auch sie wieder beeindruckt von dem Formenreichtum der weit herabgezogenen Ziegeldächer, ist überrascht, wenn sie durch die schwere Eichentür das Innere betritt und ein kreisrunder Raum mit eigenartiger Gestaltung sie umfängt. Frappierend fällt dann eine zweite Dachkonstruktion mitten im Raum ins Blickfeld, auf viermächtigen Säulen ruhend.

Sie diente einst als Esse für die große offene Feuerstelle. Später musste sie Sitzplätzen weichen. Ein Kamin wurde als Ersatz eingebaut. Bei der Betrachtung des Raumes bemerkt man auch, dass es keine geraden Wände gibt. Übergangslos in bewegter Linienführung ziehen diese sich in die hohe, zeltartige Decke hinein, die von den kunstvoll behauenen Eichenstämmen getragen wird. Es fallen auch die geschnitzten Vögel über dem Haupteingang und den Ulenlöchern auf. Sie haben ebenfalls eine symbolhafte Bedeutung. So, wie die Vögel losgelöst sind von der Erdenschwere und sich in die Lüfte schwingen, sollten sich auch die Besucher durch die künstlerische Atmosphäre beschwingt fühlen, sollten sich von ihrenProblemen lösen und geistig beflügelt werden.

Meine Schwiegereltern vergaben die Bewirtschaftung des Kaffeehauses an Pächter, sobald der Sonnenhof fertiggestellt war. Sie wollten sich ausschließlich auf die Ausstellung konzentrieren, dessen Errichtung ja ihr Hauptanliegen gewesen war.

Hoetger fand für den Sonnenhof eine Rundform ebenfalls als angebracht. Durch die fensterlosen Außenwände ergab sich eine größere Ausstellungsfläche. Beleuchtet wurde diese durch Oberlichter und Fenster von einem Innenhof her. Ihn schmückte ein Brunnen mit einem interessant gestalteten Obelisken. Über den aus einer Schale überfließendes Wasser herabrieselt und eingelassene farbige Glasplättchen aufleuchten ließ.

Eine schwere von Hoetger behauene Eichentür, die Mutter Erde darstellend, aus der alles Leben entsteht, trennt den Innenhof vom Rundgang. Die äußere Form des Baues wirkt wie eine Henne, die ihre Flügel schützend über die ihr anvertrauten Schätze ausbreitet.

In der neuen Wirkungsstätte wurden nun Ausstellungen arrangiert, auch Lesungen und Aufführungen fanden statt. Außerdem hatte meine Schwiegermutter endlich die Möglichkeit, ihre eigenen Arbeiten figürlicher Art, phantasievolle Gebilde, zur Schau zu stellen. Ihre starke künstlerische Begabung ließ sie unermüdlich tätig sein. Sie hatte im Tierpark Hellabrunn in München Tiere in Gestalt, Bewegung und Verhalten so intensiv studiert, daß sie neben der zeichnerischen und malerischen Umsetzung nun auch begann, sie handwerklich zu formen. Sie arbeitete mit verschiedenen Materialien wie Fellen, Bast und Stroh. Die aparten Arbeiten, die das Wesentliche einer Tierart in stilisierter Form wiedergaben, fanden einen solchen Anklang, dass sich ein weiterer Betriebszweig daraus entwickelte.

Bereits 1926 wurde auf dem Grundstücksteil unterhalb des Lärchenweges ein Werkstattgebäude errichtet. Es gesellten sich Kunsthandwerker dazu, auch begabte Hilfskräfte wurden angelernt. So entstand die Sonnenhof-Werkstätte, die durch die Leipziger Messe schnell bekannt wurde und später durch die Frankfurter Messe weltweit ihre Erzeugnisse auslieferte. Dadurch bot sie auch ihrem zweiten Sohn eine Lebensaufgabe.

Mein Mann und  ich sahen uns schweren Herzens aus gesundheitlich Gründen, und weil unsere Kinder sich beruflich in andere Richtungen orientiert hatten, gezwungen, Winuwuk und Sonnenhof als Einheit zu veräußern.

Im Jahre 1978 erfolgte die Übergabe an Familie Kühn, die sich der Einmaligkeit und Großartigkeit der Bauten bewusst ist und sie liebevoll pflegt. Auch hier vollzog sich inzwischen eine Nachfolge durch den Sohn im Winuwuk und der Tochter im Sonnenhof.

So ging der Wunsch Hoetgers, daß sein Werk noch weit in die Zukunft ausstrahlen möge, in Erfüllung.

 

Elfriede Degener     

 

 

 

 

 

 

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